Arbeitsproben

“Respekt”. Eine Erzählung von T. C. Boyle

 Als Santo R. letzten Herbst in meine kleine Praxis in Partinico kam, erkannte ich ihn kaum wieder. Er war ein korpulenter Junge gewesen, einer der wenigen in dieser knochentrockenen Gegend, und als junger Mann äußerst beleibt. Ich erinnerte mich an seine Eltern – Bauern, arm wie Kirchenmäuse – und daran, ihn wegen der üblichen Kinderkrankheiten behandelt zu haben – Röteln, Windpocken, Mumps –, und dass schon damals der leichteste Druck meiner Finger Abdrücke auf den prallen Oberarmen und Beinen hinterlassen hatte. Aber war er damals dick gewesen, dann war er nun, mit neunundzwanzig, ein trächtiges Maultier, seine Körpermitte so ausladend, dass er kaum durch die Tür passte. Er atmete schwer, der Staub der Straße schnürte ihm die Kehle zu, und er war bis auf die Haut schweißnass. „Doktor“, keuchte er und versenkte den Daumen im Sumpf seines linken Brustmuskels, kurz oberhalb des Herzens, „hier tut es weh“. Ein Atemringen, ein Wischen über die Stirn, eine Grimasse. Er ließ die aufgedunsene, bleiche Hand sinken und umfasste den tonnenförmigen Bauch. „Und hier“, flüsterte er. [...]

 

“Zombie”. Eine Erzählung von Chuck Palahniuk

 Es war Griffin Wilson, der die De-Evolutionstheorie aufstellte. Er saß in Organischer Chemie zwei Reihen hinter mir, der Inbegriff des teuflischen Genies. Er war der erste, der den Großen Sprung Zurück wagte.

Jeder weiß Bescheid, weil Tricia Gedding mit im Krankenzimmer war. Sie lag auf dem anderen Feldbett, hinter einem Papiervorhang, und machte einen auf Periodenschmerzen, um einem Stehgreiftest in Perspektiven der orientalischen Zivilisation zu entgehen. Sie sagte, sie hätte das laute Piepen zwar gehört, sich aber nichts weiter dabei gedacht. Als Tricia Gedding und die Schulschwester ihn entdeckten, dachten sie, Griffin Wilson sei die Erste-Hilfe-Puppe, an der wir die Herz-Lungen-Massage üben. Er atmete flach, bewegte kaum einen Muskel. Erst dachten sie an einen Scherz, weil ihm die Brieftasche noch zwischen den Zähnen klemmte und die Kabel an den Schläfen klebten.

In den Händen hielt er einen wörterbuchgroßen Kasten, die immer noch gelähmten Finger drückten einen großen, roten Knopf. Sie hatten diesen Kasten so oft gesehen, dass sie ihn erst nicht einordnen konnten; er hing sonst im Krankenzimmer an der Wand. Es war der Defibrillator. Dieser Herzschocker für Notfälle. Er muss ihn heruntergenommen haben, um die Anleitung zu lesen. Dann zog er einfach das Wachspapier von den Haftflächen und klebte sich die Elektroden an die Schläfen. Im Prinzip eine Instant-Lobotomie. So simpel, dass es auch ein 16-Jähriger kann. [...]

 

“Extrem”. Von Don Winslow

 EXTREM (ADJ.)

1: RADIKAL ODER KRASS
2: UNKONVENTIONELL
3: BIS ANS ÄUSSERSTE GEHEND
4: HEFTIG
5: INTENSIV

 Beispiel: Kurt und Paige halten sich an der Hand und springen von der Royal-Gorte-Brücke. Das ist radikal, krass, unkonventionell, bis ans Äußerste gehend, heftig und (zweifellos) intensiv. Sie stürzen herab wie zwei verliebte Falken. Mile High Club – Anfängerkram. Zusammen im dreistelligen Bereich durch die Luft zu trudeln: Das ist der wahre Kick. Aus dem Flugzeug springen, gemeinsam durch den Himmel schießen…. Es gibt einen Grund, warum es jemandem verfallen heißt. Der Mensch kennt zwei Urängste: Die Angst vor Schlangen und die vorm Fallen. Stammt beides aus unserer Zeit oben in den Bäumen.
Kurt und Paige.
Freier Fall in die Liebe.
Adrenalinverschmelzung.

300 Meter senkrecht unter ihnen fließt der Arkansas und man sollte unbedingt senkrecht fallen, weil die Schlucht schmal ist und man bei der kleinsten Fehlkalkulation mit 130 km/h an die Wand kracht. (Kalkstein gilt als “weicher“ Stein, aber bei 130 ist kein Stein mehr weich.) [...]

 

Eine Kriminalgeschichte von Walter Mosley

Als ich an jenem Morgen aufwachte, hatte ich die Stirn am Fußende der Matratze an die Wand gepresst. Der Druck ging durch den Schädelknochen hindurch direkt in mein Hirn. Die Digitaluhr neben mir auf dem Boden zeigte 9:13 Uhr. Durch die vorhanglosen Fenster, die auf ein ehemals industrielles, bald teuer saniertes Brooklyn hinausgingen, schlug mir die zu helle Sonne entgegen. Der Druck ließ selbst dann nicht nach, als ich mich aufgesetzt hatte und die oberirdische U-Bahn mit einem Grollen wie entfernter Donner auf die Manhattan Bridge rumpeln sah.

Ich spielte gerade mit dem Gedanken, mich wieder hinzulegen und meinem Gehirn etwas mehr Zeit zum Druckabbau zu geben, als ein mindestens 8-achsiger Sattelschlepper auf den Brooklyn Queens Expressway auffuhr und sich das Fahrgestell so zusammenstauchte, dass es krachte, als ginge eine Bombe hoch. [...]